Gewaltfreie Kommunikation am Arab Educational Institute (AEI), Bethlehem, Palästina
Wir, d.h. Isolde Teschner, Dunja Müller, Friedrich Wiest und ich sind nun den sechsten Tag hier in Bethlehem. Die Zusammenarbeit mit dem AEI hat wunderbar angefangen – wir sind mit offenen Armen und Herzen empfangen wurden und die Gewaltfreie Kommunikation wird mit großer Wissbegierde und Dankbarkeit aufgenommen.
Ich fühle mich heute auch ziemlich angestrengt und erschöpft. Die ungewohnte Umgebung und auch der Kontakt mit Menschen, deren Sprache ich nicht verstehe (in meiner palästinensischen Gastfamilie sprechen nicht alle gut Englisch) und eine für mich oft missverständliche Körpersprache verunsichern mich immer wieder. Auch wirken die Menschen auf den Straßen auf mich erst mal „abweisend“ – ein Eindruck, der zwar meist vergeht, sobald ich jemand anspreche und Kontakt aufnehme, der aber doch stetig präsent ist.
Bethlehem wirkt lebendig aber auch etwas verlassen auf mich. Man sieht sehr viele geschlossene Geschäfte rund um die Geburtskirche. Der Tourismus, die Haupteinnahmequelle der Menschen in Bethlehem, ist nach dem Bau der Mauer zwischen Israel und Palästina von 15 Millionen auf 1 Million Besucher im Jahr zurückgegangen.
Der erste Tag unseres Aufenthalts ist geprägt von Gesprächen mit den Verantwortlichen im AEI über ihre Organisation, ihre Pläne, über die zu planenden Workshops zur Gewaltfreien Kommunikation – viel gutem Essen, Gastfreundschaft wird hier groß geschrieben. Die hervorragende Planung und Organisation von Fuad Giacaman (im Foto ganz hinten am Tisch) und seinen Mitarbeitern ist eine große Unterstützung und so kommen wir in Kontakt mit den unterschiedlichsten Gruppen aus dem Arbeitsbereich des AEI.
Die Probleme hier sind vielfältig und natürlich immer wieder auch Thema in den Gruppen mit denen wir arbeiten. Die Einwohner Bethlehems sind, wenn die Mauer von israelischer Seite aus weitergebaut wird, von drei Seiten von einem 8-10 Meter hohen Wall umgeben sind und auf der vierten, „offenen“ Seite beginnt die Wüste. Die Erlaubnis nach Israel zu fahren erhalten die meisten nicht oder nur wenige Male im Jahr – die christlichen Palästinenser dürfen z.B. zu den hohen Feiertagen die Checkpoints nach Jerusalem passieren. Den Satz „Wir fühlen uns eingesperrt und behandelt als wären wir Tiere“ habe ich bereits mehrmals gehört.
So verwundert es nicht, dass ein Mitarbeiter des AEI meinte, „Viele Menschen hier sind einfach zutiefst hoffnungslos, müde und energielos. Sie sehen keinerlei Perspektive. Es ist eigentlich ein Wunder, dass es nicht noch mehr Unruhen gibt.“Es kostet schon mich sehr viel Energie, mich mit dem Ausmaß an Hoffnungslosigkeit der Menschen hier zu verbinden ohne mich davon überwältigen zu lassen. Dabei habe ich noch die Aussicht, nach wenigen Tagen dank eines kleinen roten Buchs mit ein paar grünen Seiten (mein Reisepass) wieder ausreisen zu können.
Angesichts der scheinbar hoffnungslosen Situation zweifle ich manchmal schmerzhaft an der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit – und vor allem an der Intelligenz und dem Mitgefühl der Menschheit. Ich teile diese Trauer eines Morgens auch in einer Anfangsrunde mit den Mitarbeitern des AEI – was eine bewegende und persönliche Runde einleitet zu der Frage, wie wir Hoffnung aufrecht erhalten können, auf welchen Ebenen ein grundlegender Wandel notwendig ist etc.

Nach den ersten Workshops sowohl mit Mitarbeitern des AEI, mit Jugend- und Studentengruppen und mit Frauen im nahen Flüchtlingscamp schöpfe ich jedoch wieder Hoffnung. Das AEI macht eine hervorragende Bildungs- und Jugendarbeit hier und auch wir vier TrainerInnen können, finde ich, wirklich stolz und zufrieden mit uns sein. Auch wenn die Seminareinheiten sehr kurz sind, meist nur 1-2 Stunden mit einer Gruppe, so schaffen wir es doch das Wesentliche rüberzubringen und vor allem auch in Kontakt mit den Menschen und ihren Themen zu kommen. Viele Teilnehmer geben das Feedback, dass sie gerne mehr von der Gewaltfreien Kommunikation hören, lernen und üben möchten.

„I leave peaceprints“ (grob übersetzt “Ich hinterlasse eine Spur des Friedens”) – diesen Autoaufkleber habe ich eines Morgens auf meinem Weg zum AEI entdeckt – und ich finde er passt zu unserer Arbeit hier. „Fußspuren“ (Footprints) an einem Strand sind eine Weile sichtbar und werden dann von denn nächsten Wellen weggespült. Auch wenn unsere Spur des Friedens sehr wahrscheinlich bei der nächsten Konflikteskalation hier von einer Welle der Gewalt wieder verwischt oder ausgelöscht wird – es befriedigt mich zutiefst, es wenigstens versucht zu haben, ein paar neue „peaceprints“ hier in Bethlehem zu hinterlassen.
Bethlehem, 12.9.2007
Markus Sikor
Auf dem Flug nach Tel Aviv…
Im Flugzeug nach Tel Aviv sitze ich neben einem gesprächigen Ehepaar aus Israel. Er, Elia, ist Lehrer und, wie er gleich hinufügt, christlicher Araber.
Er fragt mich nach woher und wohin und so kommen wir ins Gespräch. Ich zeige auf seine Zeitung, und frage, was diese Grafik mit den Soldaten und Panzern (s.l.) bedeutet.
Er sagte, das Bild vergleiche die Truppenstärken, Panzer, Raketenstärke etc. von Syrien und Israel. „Das ist doch verrückt!“, meint Elia, „wir wollen doch alle Frieden leben, oder, und was macht unsere Regierung? Nur weil irgendein großes Ego in der Regierung etwas beweisen will“. „Wissen Sie“, sagt Elia „ich bin Araber und Christ und Lehrer in einer Schule für muslimische Kinder. Im Arabischen sagt man, Gott habe 99 Namen – und der bekannteste ist „Salam“ – er schreibt den Begriff auf meine Visitenkarte – und das heißt „Frieden“. Und Elia schließt zweifelnd „Soll dieser Angriff uns Frieden bringen?“
MehrGewaltfreie Kommunikation – Friedensarbeit aktuell
Kurz vor dem Abflug nach Palästina, kann meine Finger einfach nicht vom Rechner lassen…
Aber diese Nachrichten über die aktuelle Friedensarbeit aus dem Netzwerk Gewaltfreie Kommunikation wollte ich einfach noch bekannt(er) machen:
Jugendliche aus Israel und Palästina lernen in Berlin u.a. auch die Gewaltfreie Kommunikation kennen – zu lesen in der taz, die tageszeitung
Und hier ein Bericht über die Arbeit meiner guten Freundin Jeyanthy Siva aus Sri Lanka, die derzeit in Niederlanden weilt und dort interviewt wurde von der Zeitung Expatica.
Mehr…unterwegs nach Palästina (Projekt Gewaltfreie Kommunikation mit AEI)
Ab Freitag bin ich, Markus, für 10 Tage in Palästina, um dort zusammen mit meinen KollegInnen Isolde Teschner, Dunja Müller und Friedrich Wiest ein Projekt für Gewaltfreie Kommunikation in Zusammenarbeit dem AEI zu starten.
Wir werden dort zusammen mit Fuad Giacaman (dem Gründer des AEI) und seinem engen Mitarbeiter Fuad van Teffelen daran arbeiten, wie das AEI die Gewaltfreie Kommunikation in ihrer Friedensarbeit einsetzen und nutzen können.
In Betlehem, wo das AEI beheimatet ist, werden wir die nächsten Tage zusammen mit den MitarbeiterInnen des AEI unterwegs sein. Ein weiterer Programmpunkt ist ein Treffen im Friedensdorf Neve Shalom.
Der nächste Post in diesem Blog wird daher höchstwahrscheinlich aus dem Cafe des International Center Bethlehem kommen – dort soll nämlich das nächste verfügbare WLAN in Betlehem sein.
Bis dahin…
Markus Sikor
MehrDas war nicht gewaltfrei! Prä-/Trans-Verwechslung in der Gewaltfreien Kommunikation
Diese Situation kennt bestimmt jeder, der schon mal Seminare in Gewaltfreier Kommunikation besucht hat. Plötzlich reden alle etwas komisch, antworten kryptisch und sagen Dinge wie „Das war aber jetzt nicht gewaltfrei!“ (siehe z.B. dieser Blogeintrag eines anscheinend leicht „GFK-Geschädigten“ ).
Vielen Neulingen in der Gewaltfreien Kommunikation (und nicht nur diesen ;o) unterläuft in der ersten Begeisterung der Fehler, dass sie denken, sie hätten nun die „richtige“, „lebensbereichernde“, „gewaltfreie“ Sprache gefunden – und dass man nun doch bitte nur noch in „Gefühlen und Bedürfnissen“ sprechen möge, weil dadurch das Leben viel einfacher, schöner und harmonischer würde. (An dieser Stelle bekomme ich dann immer lang anhaltende Schreikrämpfe… ;o)
Scherz beiseite, was hier passiert ist die typische Prä-Trans-Verwechslung, wie sie Ken Wilber beschrieben hat (*). Kurz gesagt heißt das: Anhand der verwendeten Worte kann man nicht sagen, ob jemand im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation handelt und spricht – oder nicht.
Der Satz „Du bist doof!“ kann perfekt gewaltfrei sein, der Satz „Ich bin erschöpft und brauche Unterstützung – magst Du mir helfen?“ kann die Kommunikationsbombe schlechthin sein.
Die einzige Unterscheidung ob gewaltfrei oder nicht, ist die Intention und Bewußtheit aus der heraus jemand spricht und handelt. Oder in Marshall Rosenbergs Worten „If you think other people are jackals then you are the jackal“ („Wenn Du denkst, andere Menschen sind wölfisch (d.h. „nicht gewaltfrei“, ), dann bist selbst Du der Wolf“).
Um Klarheit in diese Verwirrung zu bringen hilft die Prä-/Trans-Unterscheidung. Nach Ken Wilber vollzieht sich jede Entwicklung, jedes Lernen in drei Stufen:
Präkonventionell, konventionell, transkonventionell (auch postkonventionell genannt).
Am Beispiel der des Kochens (oder jeder anderen erlernten Fähigkeit) lässt sich dies leicht verdeutlichen. Bevor man die „Regeln der Kochkunst“ gelernt hat und die Zutaten und Gewürze kennt, sind die Intention und das Ergebnis des Kochens zufällig und ungeplant – man kocht präkonventionell.
Dann lernt man die Regeln, lernt die Ingredienzien und Zutaten kennen, hält sich an Rezepte. Das Ergebnis ist nun geplanter Ausdruck der Intention, allerdings durch die Regeln / Konventionen und Rezepte eingeschränkt – man kocht konventionell.
Wenn man die Regeln integriert hat, kann man sich frei entscheiden, diese zu beachten oder nicht. Man arbeitet situativ, intuitiv, frei – trans- oder postkonventionell.
Auf die Gewaltfreie Kommunikation bezogen:
Präkonventionelle Stufe = keine Bewußtheit über Intention = „Wölfisch“
Wir sprechen, wie wir es gewohnt sind (gelernt haben), ohne über die Intention und Folgen nachzudenken. Wir sind nicht bewusst, dass wir aus Bedürfnissen heraus sprechen und unser Handeln ein Versuch ist, unsere (unbekannten) Bedürfnisse zu erfüllen. Präkonventionelle Sprache, kann „hart“ oder „weich“ sein, angreifend oder nett, auf jeden Fall ist es unbewusst über die Intention und Struktur.
- Form und Struktur: unentwickelt, unbewusst
- Ausdruck der Intentionist: zufällig, wenn überhaupt<
Konventionelle Stufe = formelhafte Sprache („4 Schritte“) = technische „Giraffensprache“
Der bewusste Umgang mit der Sprache führt zu einer starken Anwendung von Regeln und einer (unbewussten) Tendenz der Bewertung, obwohl man doch „nicht bewerten wollte“ (z.B. zu Aussagen wie „Das war nicht Giraffisch!“).
- Form und Struktur: Klare Regeln (4 Schritte), Übungsorientiert
- Ausdruck der Intention: Entwickelt sich, begrenzt durch Regeln und Übungen
Transkonventionelle Stufe = Bewußtheit der Intention der Gewaltfreien Kommunikation = freie, natürliche „Giraffensprache“
Die Regeln sind integriert und können frei nach Situation angewandt werden. Im Kontakt mit authentischen Gefühlen und Bedürfnissen kann man sich frei verhalten und unzensiert sprechen, oder auch nach den 4 Schritten, in freier, in bewusster Wahl.
- Form und Struktur: Frei, die Regeln zu benutzen oder nicht.
- Ausdruck der Intention: Bewusster, freier, unbegrenzter Ausdruck der
Intention.
Prä-/Trans-Verwechslung
Da sowohl „präkonventionell“ und „transkonventionell“ beide „nicht-konventionell“ sind – die eine Stufe hat noch keine Struktur und Reglen für die Formulierung der eigenen Bedürfnisse, die andere ist über Struktur und Regeln hinaus – werden sie leicht verwechselt. Das Problem ist, dass beide Stufen die gleichen Worte und Begriffe verwenden – aber aus völlig unterschiedlicher Intention und Bewußtheit heraus.
Die Intention wird jedoch nicht durch bestimmte Worte und Begriffe deutlich, sondern durch den Gesprächsprozess. Jemand der die Intention verfolgt, durch ein Gespräch Lösungen für die Bedürfnisse aller Beteiligten zu finden (und dementsprechend im Gespräch bleibt) – der handelt „gewaltfrei“ im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation, unabhängig davon welche Worte diese Person verwendet und ob sie sich „in Gefühlen und Bedürfnissen ausdrückt“, oder nicht (was, by the way, sowieso ein Widerspruch in sich selbst ist, da Menschen immer ihre Gefühle ausdrücken).
* Die Anwendung dieser Entwicklungsstufen auf die Gewaltfreie Kommunikation erfolgte meines Wissens erstmals durch TrainerInnen des NVC-Training-Institute (USA). Mein Dank an Susan Skye, Towe Widstrand, Wes Taylor und Robert Gonzales!
MehrJobangebot für Mediator/innen (in Österreich) – und wie man diese Angebote automatisch findet
Auf der Job-Plattform Stepstone (für Österreich) wurde gerade ein Stellenangebot für eine(n) Junior-Berater(in) mit Spezialkenntnissen in Konfliktprävention und Mediation eingestellt.
Nein, ich bin nicht auf Jobsuche – aber solche Angebote findet man, indem man sich bei Google ein sog. RSS-Feed zum Thema „Mediation“ einrichtet. Damit hat man quasi eine automatische individualisierte Benachrichtigung.
Dazu auf Google-Blog-Suche gehen, „mediation“ eingeben, „Blogs auf Deutsch“ suchen, „veröffentlicht am letzten Tag“ klicken, „Rss“ Feed anklicken und die aufgerufene Adresse (aus dem Adressfeld des Browsers) in den eigenen RSS-Feedreader kopieren. Ich nutze Google-Reader, weil ich das puritanische Design und die Funktionalität schätze.
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