Das fragt der Schweizer Hypnotherapeut Hans-Peter Zimmermann auf seinem provokant-lesenswerten Hypnoseausbildung-Blog.
Hans-Peter Zimmermann meint:
Gestern traf ich in London einen Seminarleiter, der mir gestand, er könne stundenlang auf der Bühne stehen ohne Pause, und er sei auch nach einem Seminar noch tagelang total aufgekratzt.
Die Frage sei erlaubt, ob da die Energie nicht in die falsche Richtung fliesst. Dazu müsste man sich die Seminarteilnehmer nach dem Seminarbesuch anschauen. Natürlich kann es vorkommen, dass ein Teilnehmer so viel positive Veränderung erlebt hat, dass sein Nervensystem diesen Stress erst einmal verarbeiten muss. Aber grundsätzlich sollte am Ende des Seminars eher der Seminarleiter müde und die Teilnehmer topfit sein.
Interessante Meinung, die ich allerdings nicht teile. In unseren Seminaren zur Gewaltfreien Kommunikation ist das häufigste Feedback von Teilnehmern, dass sie am Ende „abgefüllt“, „erschöpft“, „voll“ etc. sind – genau wie wir. Meine Erklärung dafür ist ziemlich simpel: Wir machen keine „Fühl-dich-wohl-Seminare“, in denen wir alle (unausgesprochenen) Bedürfnisse der Teilnehmerinnen erfüllen (dann wären sie am Ende künstlich „high“, so wie dies in vielen dubiosen „Motivationstrainings“ passiert).
Unsere Aufgabe sehen wir vielmehr darin, unseren Teilnehmern die inneren „Landkarten“ („Glaubenssatz-Arbeit“, „Alte-Schmerzen-transformieren“ u.a.) an die Hand zu geben und dann in eigenen – oft recht anstrengenden – Prozessen selbst erfahren zu lassen, wo sie an ihren Bedürfnissen vorbei leben.
Transformation ist anstrengend
Das Gleiche gilt für unsere Mediationsausbildungen (auf Basis der Gewaltfreien Kommunikation). Das eigene Erleben von Konflikt(lösungen), sowohl im Rollenspiel als auch wenn es innerhalb der der Gruppe Spannungen gibt und dann „ernst“ wird, ist für alle Beteiligten (mich eingeschlossen) ziemlich anstrengend, weil in Konflikten unsere tiefsten (Verlassens- und Verletzungs-)Ängste aktiviert werden.
Es braucht einige Zeit mit neuen Erfahrungen von positiven Konfliktprozessen, bis sich unser inneres Bewertungssystem ändert und wir dann wirklich „Konflikte als Chance“ sehen können (ein Werbespruch, der daher meines Erachtens völlig am inneren Erleben der meisten Klienten vorbei geht und fast höhnisch ist).
Wofür werden wir als Seminarleiter also nun bezahlt?
Um damit anzufangen, wofür wir nicht bezahlt werden:
- Wissen (das gibt´s fast umsonst in Büchern)
- Lösungen und Ergebnisse (die können Menschen nur selbst erarbeiten)
- schöne Handouts und Flipcharts (ich zumindest sicher nicht ;o)
Wir werden für die Qualität der Zeit bezahlt, die wir mit unseren Teilnehmerinnen verbringen, in der wir unsere Erfahrung und Bewusstheit zu Kommunikationsprozessen teilen. Man beachte: Nicht für die Zeit an sich (was ist schon Zeit?), sondern für die Qualtität der Zeit, d.h. eine fühlbare Veränderung der (Selbst-)Wahrnehmung, die im Allgemeinen als „Bewusstsein“ bezeichnet wird – im Fall der Gewaltfreien Kommunikation die ständig wachsende Bewusstheit über die eigenen Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse.
Wenn diese Bewusstheit wächst, und dies ist unserer Erfahrung nach meist ein körperlich anstrengender Prozess, dann sind wir wie auch unsere Teilnehmerinnen „erschöpft, aber sehr zufrieden“.


