Wie sagt man´s richtig „gewaltfrei“?
Am besten gar nicht…kleiner Scherz, aber nur halb scherzhaft, leider.
Ich hatte in letzter Zeit zwei Begegnungen, in denen es darum ging, wie man „richtig gewaltfrei“ reagiert. Konkret ging es um die Frage, ob man, wenn jemand wütend ist, mit der Frage „Bist du wütend?“ oder mit der Feststellung „Du bist wütend!“ „richtig gewaltfrei“ reagiert. Dieses Thema wurde/wird wohl ernsthaft auch unter „GFK-Erfahrenen“ (dito GFK-Trainern) diskutiert.
Meine spontane, aufgrund der Thematik leicht frustrierte Antwort darauf war immer: „Das ist doch sch…egal!“ (sorry für meine gewalttätige Ausdrucksweiswe ;o). Ausführlicher ausgedrückt: Die Frage kann man so nicht beantworten, es kommt auf den Kontext an. Und grundsätzliche macht die Frage für mich keinen Sinn, weil für die Entscheidung“ gewaltfrei oder nicht?“ die HALTUNG hinter den Worten entscheidend ist – nicht die Worte!
MehrDie empathische Zivilisation, Jeremy Rifkin
I
ch lese gerade die „Die empathische Zivilisation“ von Jeremin Rifkin . Das Buch hat sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen, von verhalten anerkennend (Suttgarter Zeitung) bis hin zu offen ablehnend oder polemisch (Die Welt, FAZ). Mich interessiert das Thema Empathie natürlich berufsmäßig, und eine „empathische Zivilsation“ klingt in meinen Ohren erst mal schön… zu schön um wahr zu sein?
Das erste Kapitel „Homo empathicus“ hat mich auf jeden Fall gefesselt, die Beschreibung der „Geschichte der Menschheit, die nie erzählt wurde“ (also die Geschichte der Empathie) ist eingängig und mit interessanten Beispielen beschrieben. Wer weiß schon, dass selbst Ratten mitfühlend sind? Ja, sind sie, nachzulesen auf Seite 81. Mal sehen, wie es weitergeht, ich werde berichten…
Hat es jemand schon gelesen? Ich freue mich über Kommentare.
Mitgefühl ist Eigennutz
“Mitgefühl ist Eigennutz”, so der Titel des spannenden Interviews, das der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein mit dem Neurophysiologen Vittorio Gallese, dem Entdecker der Spiegelneuronen, führte. “Sag ich doch”, dachte ich mir sofort – denn in den Seminaren zur Gewaltfreien Kommunikation betone ich oft, dass wir „alles was wir tun, nur für uns selbst, für die Erfüllung unserer eigenen Bedürfnisse tun” – eben auch einem Menschen empathisch zuhören oder mitfühlend reagieren.
Der Artikel betont auch, dass es einen Unterschied von Empathie (Einfühlung) und Mitgefühl (Mitleid) gibt:
Tatsächlich können Sie Empathie und Mitgefühl völlig voneinander entkoppeln. Denken Sie nur an einen Sadisten, der Lust erlebt, gerade weil er sich in das Leid seines Opfers einfühlen kann. (Vittorio Galles)
Einfühlung ist also nicht per se “gut”. Man weiß, dass Kriminelle oft ein hohes Einfühlungsvermögen haben, sie können sich perfekt in das Innenleben ihrer Opfer einfühlen – und nutzen dies dann brutal aus indem sie ihre Opfer zur Kooperation überreden (ein Buch, das ich in diesem Zusammenhang gern empfehle, auch wenn es etwas “reißerisch” ist, ist “Mut zur Angst” von Gavin de Becker.)
Mitgefühl, also das Nachempfinden von Leid als Leid und der daraus entstehende soziale Handlungsimpuls, um das Leid zu vermindern, folgt nicht zwingend aus Empathie. Warum und wieso Mitgefühl entsteht, und wie stark, ist wissenschaftlich noch ungeklärt.
Und auch hier ist es ja nicht so, dass Mitgefühl immer “gut” oder auch nur hilfreich ist – nicht auszudenken, wenn mein Zahnarzt (mit dem ich übrigens sehr zufrieden bin, daher der Link zu seiner Praxis in Kaufering bzw. Waal) mir nicht mehr helfen könnte, weil er beim Anblick meines schmerzverzerrten Gesichts selbst Zahnschmerzen bekäme? Menschen können (und müssen wahrscheinlich) lernen, ihr Mitgefühl zu steuern – natürlich auch wieder im Eigeninteresse, mein Zahnarzt möchte ja auch Geld verdienen
)
Wie ein integrales Konfliktverständnis zu Frieden und Verständigung beitragen kann – Teil II
In Integrales Konfliktverständnis Teil I habe ich am Beispiel „Jugendgewalt“ dargestellt wie eine integrale Sichtweise auf dieses komplexe Problem angewendet werden kann. Die Einbeziehung der vier Perspektiven „Individuell/Kollektiv“ und „Subjektiv/Objektiv“ (in der integralen Theorie auch Vier Quadranten genannt) hilft dabei, wesentliche Konflikt- und Lösungsaspekte zu berücksichtigen bzw. vermeidet es, Teilwahrheiten überzubewerten.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Integralen Theorie, und Thema dieses zweiten Teils, ist die Betrachtung von Wachstum und Entwicklung in einer gesunden, natürlichen Abfolge (Hierarchie der Entwicklungsstufen).
Menschen entwickeln sich…
Menschen entwickeln sich, individuell und kollektiv, innerlich und äußerlich (4 Quadranten). Aber, und das ist entscheidend, Menschen entwickeln sich anscheinend nicht beliebig, sondern es gibt so etwas wie grundlegende, stabile und universelle Wachstumsstrukturen. Zahlreiche ForscherInnen untersuchten die Frage „Wie entstehen menschliche Fähigkeiten wie z.B. Wahrnehmung, Moral, Emotionale Intelligenz, Ich-Struktur?“ etc.. Dabei haben sie kulturübergreifende Muster festgestellt, (s. auch Lernstufen der Gewaltfreien Kommunikation), die man für ein integrales, d.h. möglichst umfassendes Verständnis von Konflikten berücksichtigen sollte.
MehrAufrichtigkeit und Empathie in mein Leben integrieren – Ausbildungsgruppe Gewaltfreie Kommunikation nach Dr. Marshall Rosenberg
Die Anmeldung für die Ausbildungsgruppe Gewaltfreie Kommunikation nach Dr. Marshall Rosenbeg „Aufrichtigkeit und Empathie in mein Leben integrieren“ ist ab sofort möglich.
Die Ausbildung richtet sich an alle, die sich vertieft mit der Gewaltfreien Kommunikation beschäftigen und die damit verbundene Haltung in ihr Leben integrieren möchten.
Unser Ansatz ist es, mit der Gewaltfreien Kommunikation eine authentische, bedürfnisorientierte Kommunikation zu vermitteln. Gewaltfreie Kommunikation heißt, Kontakt zu seinen Gefühlen und Bedürfnissen zu finden und aus dieser Haltung heraus kraftvoll und klar zu kommunizieren. Das bedeutet, ehrlich statt „nett“ zu sein oder „richtig gewaltfrei“ zu sprechen, sondern aufrichtig zu sein im Selbstausdruck und offen für empathischen Kontakt und Klärung.
MehrGrundlegende Glaubenssätze transformieren
Es ist immer ein unglaubliches Geschenk, wenn Menschen in den Seminaren „ihre Seele öffnen“ und wir gemeinsam die „Wolfswelt“ ihrer Gedanken erforschen, den oft sehr schmerzlichen Gefühle Raum geben und langsam Kontakt mit den dahinterliegenden Bedürfnissen und der darin verborgenen Schönheit finden. Ich bin nach einer solchen Arbeit innerlich genauso erfüllt wie die TeilnehmerInnen.
Ein Thema, dass wir in unseren Ausbildungen in Gewaltfreier Kommunikation einbringen, ist die Arbeit mit grundlegenden Glaubenssätzen – also Überzeugungen, die ich über mich und/oder die Welt habe und die eine tief verwurzelte „Brille“ oder den Kontext für meine Erfahrungen bilden.
Häufige Grundüberzeugungen sind z.B.:
- Ich bin nicht sicher (auf dieser Welt, mit meinem/r Partner/in etc.)
- Für mich ist nicht gesorgt.
- Ich werde nur geliebt, wenn… (ich lieb bin, etwas tue, leiste etc.)
- Wenn ich bin, wie ich bin, werde ich ausgestoßen, bin ich alleine etc.
- Es gibt nicht genug auf dieser Welt.
- Ich muss immer kämpfen.
und einige mehr – es gibt von vielen Sätzen individuelle Abwandlungen, die wir alle, mich eingeschlossen, mit uns herumschleppen. Da wir diese Sätze nicht „bewusst denken“ (die damit verbundenen Schmerzen würden uns handlungsunfähig machen), sie aber wirken, d.h. unsere unbewussten Reaktionen steuern, bilden sie so etwas wie den Nährboden für Konfliktmuster oder immer wiederkehrende schmerzhafte Erfahrungen, die wir im Leben machen.
MehrKönnten Sie mal Gewalt definieren?
Dies fragte Oliver Heuler in seinem Kommentar auf den Beitrag „Integral trifft Gewaltfrei“.
Das ist die Art von Fragen, die mich als Trainer im Seminar erst Mal ins Schwitzen bringen… Hier habe ich ja das Glück, ein bißchen nachdenken zu können bevor ich den Mund aufmache bzw. in die Tasten tippe. (Ich weiß, manche meinen, das würde auch im Seminar manchmal nicht schaden, aber das ist eine andere Geschichte…).
Spaß beiseite, mein bestes Verständnis zu dieser Frage ist Folgendes:
Die Vision des Centers for Nonviolent Communication (Zentrum für Gewaltfreie Kommunikation, USA) und damit eine Art Definition von „Gewalt-frei“ lautet: „A world where everybodys needs are valued.“ („Eine Welt, in der die Bedürfnisse aller zählen.“)
(Anmerkung: Dies ist nicht der genaue Wortlaut auf der Homepage des CNVC – dort heißt es noch „a world where all people get their needs met peacefully…“ Aus verschiedenen Gesprächen mit langjährigen CNVC-TrainerInnen und mit Marshall Rosenberg wird deutlich, dass sich die Definition in Richtung „everybodys needs are valued“ entwickelt hat.)
Aus diesem Verständnis heraus hieße die Definition von Gewalt: „Gewalt(tätig) ist eine Intention/Absicht, die nicht die Bedürfnisse aller anerkennt/wertschätzt.“
Mehr"Prinzip Menschlichkeit" von Joachim Bauer
Joachim Bauer ist Mediziner, Psychotherapeut und in der Abteilung für Psychosomatik des Universitätsklinikums Freiburg tätig. Bauers populärwissenschaftlichen Bücher sind alle äußerst lesenswert („Das Gedächtnis des Körpers“, „Warum ich fühle, was Du fühlst.“) – mit „Prinzip Menschlichkeit“ hat er mich jedoch vollends begeistert!
Bauers Anliegen ist es, den sozialdarwinistischen Auswüchsen, die sich z.B. in neoliberaler Ideologie zeigen („Der Bessere/Stärkere/Klügere wird sich durchsetzen“, „Natur ist Konkurrenzkampf“ etc.) ein gesundes und durch neuro- und psychologische Forschung untermauertes Menschenbild entgegenzusetzen, dass den Wert von Zuwendung, Kooperation und Menschlichkeit betont.
Bauer zeigt und belegt, dass Menschen von Kindheit an auf Zuwendung, Kooperation und Nähe ausgelegt sind und alles dafür tun (und auch ihre Aggression dafür einsetzen), um diese zu behalten bzw. zu erlangen. Wenn diese natürlichen Tendenzen (wir würden es „Bedürfnisse“ nennen) des Menschen nicht genutzt und unterstützt werden (in der Hirnforschung heißt es „Use it or loose it“), dann verkümmern diese oder verschwinden ganz.
Bauers Schlussfolgerung lautet daher, dass wir in allen Bereichen menschlichen Zusammenlebens, sei es in Familien, Kindergärten oder Schulen, am Arbeitsplatz genauso wie in der Medizin das Gelingen von menschlichen Beziehungen in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen müssen – und dem stimme ich natürlich gerne und vehement zu!
Ich persönlich halte die wissenschaftliche Fundierung von „Menschlichkeit“ für hochinteressant und sehr hilfreich – auch wenn man aufpassen muss, diese Belege nicht überzubewerten. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer nur solange gültig, wie sie widerlegt werden.
Aber wer wollte ernsthaft widerlegen, dass sich wahre Menschlichkeit im liebevollen und mitfühlenden Miteinander zeigt und nicht in Gegeneinander, Kampf und Krieg?
Prädikat „Unbedingt lesenswert“ – hier der Link zu Amazon.
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