Wie sagt man´s richtig „gewaltfrei“?
Am besten gar nicht…kleiner Scherz, aber nur halb scherzhaft, leider.
Ich hatte in letzter Zeit zwei Begegnungen, in denen es darum ging, wie man „richtig gewaltfrei“ reagiert. Konkret ging es um die Frage, ob man, wenn jemand wütend ist, mit der Frage „Bist du wütend?“ oder mit der Feststellung „Du bist wütend!“ „richtig gewaltfrei“ reagiert. Dieses Thema wurde/wird wohl ernsthaft auch unter „GFK-Erfahrenen“ (dito GFK-Trainern) diskutiert.
Meine spontane, aufgrund der Thematik leicht frustrierte Antwort darauf war immer: „Das ist doch sch…egal!“ (sorry für meine gewalttätige Ausdrucksweiswe ;o). Ausführlicher ausgedrückt: Die Frage kann man so nicht beantworten, es kommt auf den Kontext an. Und grundsätzliche macht die Frage für mich keinen Sinn, weil für die Entscheidung“ gewaltfrei oder nicht?“ die HALTUNG hinter den Worten entscheidend ist – nicht die Worte!
MehrGewaltfreie Kommunikation – einfach zu lernen, schwer zu integrieren
Warum ist die Gewaltfreie Kommunikation so einfach zu lernen und so schwer zu integrieren?
Diese Frage hat sich für mich erhellt, seit ich die Wilber´sche Unterscheidung von „Zuständen“ und „Stufen“ des menschlichen Bewusstseins gefunden habe. Diese Unterscheidung ist eine der hilfreichsten Erkenntnisse, die ich der Integralen Sichtweise zu verdanken habe.
Über die obige Frage hinaus, berührt diese Unterscheidung weitere Themen wie:
- „Lebensdienliche“ von „lebensfeindlichen“ Bewertungen unterscheiden – anstatt zu behaupten „ich bewerte nicht!“ oder – schlimmer, weil in sich widersprüchlich – „Bewerten ist schlecht“
- Lernstufen der Gewaltfreien Kommunikation erkennen – anstatt zu sagen, jeder der einige Seminartage hinter sich hat, „mache Gewaltfreie Kommunikation“
- Klarheit über die (begrenzte) Fähigkeit von Kindern erlangen, die Gewaltfreie Kommunikation zu lernen und zu leben – anstatt zu denken, Kindern seien „natürliche Giraffen“ (Giraffen sind das Symboltier der Gewaltfreien Kommunikation)
Ich werde erst kurz mein Verständnis von „Zuständen“ und „Stufen“ des Bewusstseins darlegen und einige wesentliche Unterschiede zeigen. Danach werde ich einige Konsequenzen für das Lernen und die Integration der Gewaltfreien Kommunikation zeigen.
MehrWie ein integrales Konfliktverständnis zu Frieden und Verständigung beitragen kann – Teil II
In Integrales Konfliktverständnis Teil I habe ich am Beispiel „Jugendgewalt“ dargestellt wie eine integrale Sichtweise auf dieses komplexe Problem angewendet werden kann. Die Einbeziehung der vier Perspektiven „Individuell/Kollektiv“ und „Subjektiv/Objektiv“ (in der integralen Theorie auch Vier Quadranten genannt) hilft dabei, wesentliche Konflikt- und Lösungsaspekte zu berücksichtigen bzw. vermeidet es, Teilwahrheiten überzubewerten.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Integralen Theorie, und Thema dieses zweiten Teils, ist die Betrachtung von Wachstum und Entwicklung in einer gesunden, natürlichen Abfolge (Hierarchie der Entwicklungsstufen).
Menschen entwickeln sich…
Menschen entwickeln sich, individuell und kollektiv, innerlich und äußerlich (4 Quadranten). Aber, und das ist entscheidend, Menschen entwickeln sich anscheinend nicht beliebig, sondern es gibt so etwas wie grundlegende, stabile und universelle Wachstumsstrukturen. Zahlreiche ForscherInnen untersuchten die Frage „Wie entstehen menschliche Fähigkeiten wie z.B. Wahrnehmung, Moral, Emotionale Intelligenz, Ich-Struktur?“ etc.. Dabei haben sie kulturübergreifende Muster festgestellt, (s. auch Lernstufen der Gewaltfreien Kommunikation), die man für ein integrales, d.h. möglichst umfassendes Verständnis von Konflikten berücksichtigen sollte.
MehrLernstufen in der Gewaltfreien Kommunikation
Mit Lern- und Entwicklungsstufen tun sich viele Anhänger der Gewaltfreien Kommunikation als typische Vertreter „grüner“, egalitärer Werte (Spiral Dynamics) im allgemeinen schwer. Die Einsicht, dass Menschen in Bezug auf bestimmte Fähigkeiten nicht „gleich“ sind, ist zwar eigentlich banal (wer würde schon gerne seine Magen-Operation von einem KFZ-Meister durchführen lassen?), aber wenn es um kommunikative Fähigkeiten geht, scheint dies wieder in Vergessenheit zu geraten.Die Betonung der Gleichheit aller Menschen auf der Ebene der Bedürfnisse (die ich teile), wird also so wohltuend und berührend erfahren, dass der Blick auf die Unterschiedlichkeit der Menschen als eine (zu) schmerzhafte „Trennung“ erlebt und lieber vermieden wird.
Meiner Meinung nach hilft hier die Unterscheidung von „Verhalten“ und „Sein“. Auf Seins-Ebene sind wir Menschen alle gleich, gleich wertvoll, gleich schön, alle göttliche Verkörperungen des „Einen Geists“.
Auf Verhaltensebene sind wir unterschiedlich und manchmal sogar einzigartig. Hier kommt die Individualität jedes einzelnen ans Licht der Welt. Ein kompetenter Mediziner kann Leben retten – aber kein Auto reparieren.




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