Mitgefühl als verbindende Kraft – THE CHARTER FOR COMPASSION
Die Charter for Compassion entstand auf Initiative der TED-Preisgewinnerin und renommierten Religionswisssenschaftlerin Karen Armstrong.
Hier die Preis-Rede von Karen Armstrong bei TED über die zentrale Rolle von Mitgefühl in allen Weltreligionen.
Eine wesentliche Basis für das menschliche Mitgefühl ist seit einigen Jahren auch wissenschaftlich nachgewiesen, die sog. Spiegelneuronen. Der Freiburger Professors Joachim Bauer weist in seinen Büchern auf die zentrale Rolle von Beziehungen für die Ausbildung von Mitgefühl (Empathie) hin (“Warum ich fühle was du fühlst?” und “Das Gedächtnis des Körpers”).
Aber die organische Basis der Spiegelneuronen reicht nicht aus, um Mitgefühl zu einer alle Menschen verbindenden Kraft zu machen. Ohne eine bewusste spirituelle Ausrichtung bleibt das “Mitgefühl” meiner Spiegelneuronen auf meine direkte Umwelt beschränkt, da ich nur diese durch meine Sinnesorgane vermittelt bekomme.
Die zentrale Rolle der Religionen besteht laut Karen Amrstrong darin, das menschliche Mitgefühl auszudehnen auf alle Menschen – eben nicht nur "Liebe deinen Nächsten”, sondern “Liebe deine Feinde”, was bspw. die zentrale Aussage der Bergpredigt ist.
Anders gesagt, in der Sprache der integralen Theorie, es geht darum, das menschliche Mitgefühl auszudehnen vom “egozentrischen Mitgefühl” (Ich), über das “ethnozentrische Mitgefühl” (Mitgefühl mit Menschen meiner Herkunft, Kultur, Glauben etc.) hin zum universalen Mitgefühl (Mitgefühl mit allen Menschen, siehe dazu auch “Wie ein integrales Konfliktverständnis zu Frieden und Verständigung beitragen kann – Teil II”.)
Ich denke, dass wir Menschen eine tiefe, intuitive Verbindung zu Menschen spüren. Wir fühlen uns wirklich “Eins mit allen Wesen” – solange wir nicht darüber nachdenken. Sobald ich anfange, mich oder andere Menschen zu bewerten, trenne ich diese Verbindung. Mir passiert das andauernd und die gewaltfreie Kommunikation ist für mich eine ständige spirituelle Übung, um diese Verbindung wieder herzustellen.
MehrMitgefühl ist Eigennutz
“Mitgefühl ist Eigennutz”, so der Titel des spannenden Interviews, das der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein mit dem Neurophysiologen Vittorio Gallese, dem Entdecker der Spiegelneuronen, führte. “Sag ich doch”, dachte ich mir sofort – denn in den Seminaren zur Gewaltfreien Kommunikation betone ich oft, dass wir „alles was wir tun, nur für uns selbst, für die Erfüllung unserer eigenen Bedürfnisse tun” – eben auch einem Menschen empathisch zuhören oder mitfühlend reagieren.
Der Artikel betont auch, dass es einen Unterschied von Empathie (Einfühlung) und Mitgefühl (Mitleid) gibt:
Tatsächlich können Sie Empathie und Mitgefühl völlig voneinander entkoppeln. Denken Sie nur an einen Sadisten, der Lust erlebt, gerade weil er sich in das Leid seines Opfers einfühlen kann. (Vittorio Galles)
Einfühlung ist also nicht per se “gut”. Man weiß, dass Kriminelle oft ein hohes Einfühlungsvermögen haben, sie können sich perfekt in das Innenleben ihrer Opfer einfühlen – und nutzen dies dann brutal aus indem sie ihre Opfer zur Kooperation überreden (ein Buch, das ich in diesem Zusammenhang gern empfehle, auch wenn es etwas “reißerisch” ist, ist “Mut zur Angst” von Gavin de Becker.)
Mitgefühl, also das Nachempfinden von Leid als Leid und der daraus entstehende soziale Handlungsimpuls, um das Leid zu vermindern, folgt nicht zwingend aus Empathie. Warum und wieso Mitgefühl entsteht, und wie stark, ist wissenschaftlich noch ungeklärt.
Und auch hier ist es ja nicht so, dass Mitgefühl immer “gut” oder auch nur hilfreich ist – nicht auszudenken, wenn mein Zahnarzt (mit dem ich übrigens sehr zufrieden bin, daher der Link zu seiner Praxis in Kaufering bzw. Waal) mir nicht mehr helfen könnte, weil er beim Anblick meines schmerzverzerrten Gesichts selbst Zahnschmerzen bekäme? Menschen können (und müssen wahrscheinlich) lernen, ihr Mitgefühl zu steuern – natürlich auch wieder im Eigeninteresse, mein Zahnarzt möchte ja auch Geld verdienen
)




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