Ein friedliches Neues Jahr!
Dieses Friedenslied hat mich zu Tränen gerührt. Es ist ein gemeinsames Projekt des Israeli David Broza und des Palästinensers Wisam Murad, gesungen in Hebräisch und Arabisch.
Ich wünsche uns allen, dass wir 2009 ein Jahr mit (noch) weniger Kriegen, Gewalt und Zerstörung erleben – und uns auch daran erinnern, dass die Menschheit heute in so sicheren und friedlichen Zeiten lebt, wie noch nie! Was natürlich nichts daran ändert, dass es noch viel zu tun gibt.
In diesem Sinne, lasst Euch von diesem Lied berühren und ermutigen, Euren inneren und äußeren Frieden in diese Welt zu bringen.
Und so möchte ich diesen Blog für dieses Jahr schließen, mit einem Satz aus „In my Heart“:
„I had enough yesterdays, what I need is a tomorrow“
(Mahmoud Darwisch, palästinensischer Dichter)
Mideast Peace Song – „In My Heart“
MehrZurück aus Palästina… Lessons learned

Seit wenigen Tagen bin ich nun zurück aus Palästina und habe mich halbwegs wieder erholt – der wunderschöne Herbst ist dabei eine gute Hilfe, er hilft mir bei der Reflektion und dem Wiederauftanken.
Für mich gibt es einige Lektionen aus diesem und anderen Auslandstrainings, die vielleicht auch für andere TrainerInnen interessant sind:
- Trainings im Ausland sind (wesentlich) anstrengender
Je fremder die Kultur, desto mehr. Fremde Umgebung, unbekannte Sprache (verbal und nonverbal), neue soziale Regeln bis hin zum Essen – all dies kann je nach Verfassung leichten bis heftigen Stress verursachen. Eine gute Vorbereitung kann die Auswirkungen des Kulturschocks etwas lindern. Ich persönlich brauche eine Möglichkeit, mich zurückzuziehen; halbwegs gewohnte Verpflegung und Essenszeiten (wer einmal zwei Tage lang mit Magenkrämpfen und Durchfall ein Seminar geleitet hat, weiß was ich meine) – all dies läßt sich vorher mit den Organisatoren klären bzw. vor Ort meist ohne große Umstände anpassen. - Mentale Vorbereitung ist hilfreich
Ein Training in Gewaltfreier Kommunikation ist vor allen Dingen eine Arbeit mit und an mentalen Weltbildern. In Palästina waren wir oft konfrontiert mit BLAUEM religiös-dogmatischem Denken („Es steht in der Bibel“, „Gott hat uns gelehrt“). Es wäre auf subtile Weise gewalttätig, wenn wir nun daherkommen, und diese Weltsicht relativieren wollten. Auf der anderen Seite ist das Aufeinanderprallen der christlich bzw. islamistisch dogmatischen Denkweise ein ständiger Konfliktherd, der nur durch eine Erweiterung (nicht Auflösung) der Weltsicht hin zu einer gegenseitigen Anerkennung gelöst werden kann. Mit diesen Spannungsfeldern empathisch umzugehen kann man sich erleichtern z.B. durch Lektüre über die typischen Konfliktfelder, „innere Rollenspiele“ etc.. Als „mentale Landkarte“ für derartige Empathieübungen ist die Kombinantion von Gewaltfreier Kommunikation und Spiral Dynamics sehr hilfreich. - Trainings haben Breiten- oder Tiefenwirkung
Präsentationen und Trainings können entweder viele Menschen erreichen (Breitenwirkung) oder wenige Menschen auf tieferer Ebene transformieren (Tiefenwirkung). Tiefenwirkung braucht mehr Zeit, Breitenwirkung mehr Publikum. Beides ist wichtig und man muss für sich herausfinden, was einem lieber ist. Ich mag beides, wenn es gut vorbereitet ist. In Palästina hatten wir sehr viele Seminare und nur dadurch nur wenig Zeit für (relativ) wenige Teilnehmer (zwischen 6-25). D.h. die Breitenwirkung war gering, die Tiefenwirkung auch. Dies war auch bedingt durch die Vorgaben der Organisation, aber wir hätten dies durch klarere Kommunikation beeinflussen können. - Empathie geben oder Empathie lernen…
Natürlich sind die Herzen vieler Menschen in Palästina voller Schmerz und Leid – und sobald sie etwas Vertrauen gefasst haben, kommen die Geschichten. Einen Nachmittags haben wir mit Studenten anhand einer Videoaufnahme einer Demonstration gegen die „Sicherheitsmauer“ bei Bethlehem zu dem Thema „Gewaltfreiheit“ gearbeitet. Sofort kamen die Erzählungen, über die Unterdrückung, Gewalterfahrungen etc. So war unsere wichtigste Aufgabe im Seminar oft einfach nur empathisch zuzuhören.
Auf der anderen Seite glaube ich, dass es hilfreicher für die Menschen wäre, wenn sie lernen würden, sich untereinander empathisch (statt sympathisch) zuzuhören. Dieser Prozess läßt sich aber nicht umdrehen oder beschleunigen, Menschen in dieser Situation brauchen erst Empathie bevor sie etwas Neues dazu lernen können. - Die eigene Verzweiflung ernst nehmen und bearbeiten
Ich bin in Palästina recht schnell mit meiner eigenen Verzweiflung in Kontakt gekommen -über das was sich Menschen gegeneitig antun, über die scheinbare Ausweglosigkeit aus einem Teufelskreis von Gewalt und Rache, über die meiner Meinung nach unsägliche Rolle der Religionen in diesem Konflikt, aber auch über die Begrenztheit und Nichtigkeit meines eigenen Beitrags zur Veränderung.
Diese Verzweiflung nicht wegzuschieben, sondern ernst zu nehmen und konstruktiv zu bearbeiten habe ich erst im Laufe der Zeit gelernt. Der körperliche Schmerz und die Tränen, die dabei hochkommen haben etwas Reinigendes und Entlastendes, manchmal habe ich den Eindruck, ich weine dabei für viele Menschen in Palästina mit. Und das Schöne ist, unter diesen Tränen finde ich immer wieder meine Sehnsucht nach einem Sinn hinter all dem und in meinem Leben.
Herzliche Grüße
Markus Sikor
„Krieger des Herzens“ in Bethlehem…

In dem von Hoffnungslosigkeit und Erschwernissen geprägten Leben im besetzten Palästina braucht es wahre „Krieger des Herzens“*. Menschen, die genug innere Stärke, unbeugbaren Optimismus und tiefes Vertrauen besitzen um auf dem schier aussichtslosen Weg des gewaltlosen Wandels voranzugehen. Zwei dieser „Krieger des Herzens“ aus Bethlehem, Abid Al Fattah und Fuad Giacaman durften wir näher kennen lernen (auf dem Foto zusammen mit Isolde Teschner nach einem Workshop zur Gewaltfreien Kommunikation – daher die Wolfspuppen und -ohren):
Fuad Giacaman (rechts im Bild) ist Co-Gründer und Geschäftsführer des Arab Educational Institute (AEI). Seit 1986 bietet das AEI unter großen Schwierigkeiten und mit ebenso großem Engagement Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Familien ein breites Angebot an Kursen und Workshops – von Computer- und Englischkursen bis hin zu Diskussionsrunden zu Demokratie, Spiritualität und Glaube – sowie internationale Austausch- und Besuchsprogramme. Fuad spricht nicht nur gerne und oft über seine gewaltfreie Überzeugung („It´s not about peacemaking with our friends, it´s about peacemaking with our enemies“), er lebt diese Haltung täglich als mutmachendes Vorbild „seinen“ Jugendlichen vor. So organisiert das AEI kreative und gewaltfreie Aktionen um auf die Situation der Palästinenser aufmerksam zu machen. Beispielsweise eine Mal-Aktion an der von Israel erbauten „Sicherheitsmauer“ (Foto).
Abid Al Fattah (links) leitet das Al Rowwad Center, ein Bildungscenter für die Kinder und Jugend im „Aida-Camp“, ein Flüchtlingscamp in Bethlehem. In diesem Camp, dass wie ein viel zu eng gebautes Wohnviertel aussieht, leben 6000 Menschen teilweise seit 60 Jahren auf engstem Raum und mit völlig unzureichender Infrastruktur. Zwei Drittel der Bewohner sind unter 18 Jahren, es gibt weder Sport- noch Spielplätze, keinerlei Grünflächen oder Gärten von Ausbildungsplätzen und Jobs ganz abgesehen. 
Abid ist im Aida-Camp geboren, in seinem Geburtshaus ist heute die Dunkelkammer für das Fotografie-Projekt des Al Rowwad Center untergebracht. An vielen Stellen im Camp sind die Einschläge von Geschossen der Scharfschützen und Raketen zu sehen, Überbleibsel der israelischen Niederschlagung der Initifada. Auf die Frage, was ihn motiviert hat das Center zu gründen, meinte er „We needed to do something for our children, so we knew we would start this center – with or without money.“ („Wir mussten einfach etwas tun für unsere Kindern, so war klar, dass wir dieses Zentrum aufbauen würden – mit oder ohne Geld“)
*“Krieger des Herzens“ nannte der leider viel zu früh verstorbene Friedensaktivist Danaan Parry Menschen, die mutig und aktiv eine Haltung der Gewaltfreiheit, Ehrlichkeit und Lebendigkeit in die Welt bringen.
MehrGewaltfreie Kommunikation am Arab Educational Institute (AEI), Bethlehem, Palästina
Wir, d.h. Isolde Teschner, Dunja Müller, Friedrich Wiest und ich sind nun den sechsten Tag hier in Bethlehem. Die Zusammenarbeit mit dem AEI hat wunderbar angefangen – wir sind mit offenen Armen und Herzen empfangen wurden und die Gewaltfreie Kommunikation wird mit großer Wissbegierde und Dankbarkeit aufgenommen.
Ich fühle mich heute auch ziemlich angestrengt und erschöpft. Die ungewohnte Umgebung und auch der Kontakt mit Menschen, deren Sprache ich nicht verstehe (in meiner palästinensischen Gastfamilie sprechen nicht alle gut Englisch) und eine für mich oft missverständliche Körpersprache verunsichern mich immer wieder. Auch wirken die Menschen auf den Straßen auf mich erst mal „abweisend“ – ein Eindruck, der zwar meist vergeht, sobald ich jemand anspreche und Kontakt aufnehme, der aber doch stetig präsent ist.
Bethlehem wirkt lebendig aber auch etwas verlassen auf mich. Man sieht sehr viele geschlossene Geschäfte rund um die Geburtskirche. Der Tourismus, die Haupteinnahmequelle der Menschen in Bethlehem, ist nach dem Bau der Mauer zwischen Israel und Palästina von 15 Millionen auf 1 Million Besucher im Jahr zurückgegangen.
Der erste Tag unseres Aufenthalts ist geprägt von Gesprächen mit den Verantwortlichen im AEI über ihre Organisation, ihre Pläne, über die zu planenden Workshops zur Gewaltfreien Kommunikation – viel gutem Essen, Gastfreundschaft wird hier groß geschrieben. Die hervorragende Planung und Organisation von Fuad Giacaman (im Foto ganz hinten am Tisch) und seinen Mitarbeitern ist eine große Unterstützung und so kommen wir in Kontakt mit den unterschiedlichsten Gruppen aus dem Arbeitsbereich des AEI.
Die Probleme hier sind vielfältig und natürlich immer wieder auch Thema in den Gruppen mit denen wir arbeiten. Die Einwohner Bethlehems sind, wenn die Mauer von israelischer Seite aus weitergebaut wird, von drei Seiten von einem 8-10 Meter hohen Wall umgeben sind und auf der vierten, „offenen“ Seite beginnt die Wüste. Die Erlaubnis nach Israel zu fahren erhalten die meisten nicht oder nur wenige Male im Jahr – die christlichen Palästinenser dürfen z.B. zu den hohen Feiertagen die Checkpoints nach Jerusalem passieren. Den Satz „Wir fühlen uns eingesperrt und behandelt als wären wir Tiere“ habe ich bereits mehrmals gehört.
So verwundert es nicht, dass ein Mitarbeiter des AEI meinte, „Viele Menschen hier sind einfach zutiefst hoffnungslos, müde und energielos. Sie sehen keinerlei Perspektive. Es ist eigentlich ein Wunder, dass es nicht noch mehr Unruhen gibt.“Es kostet schon mich sehr viel Energie, mich mit dem Ausmaß an Hoffnungslosigkeit der Menschen hier zu verbinden ohne mich davon überwältigen zu lassen. Dabei habe ich noch die Aussicht, nach wenigen Tagen dank eines kleinen roten Buchs mit ein paar grünen Seiten (mein Reisepass) wieder ausreisen zu können.
Angesichts der scheinbar hoffnungslosen Situation zweifle ich manchmal schmerzhaft an der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit – und vor allem an der Intelligenz und dem Mitgefühl der Menschheit. Ich teile diese Trauer eines Morgens auch in einer Anfangsrunde mit den Mitarbeitern des AEI – was eine bewegende und persönliche Runde einleitet zu der Frage, wie wir Hoffnung aufrecht erhalten können, auf welchen Ebenen ein grundlegender Wandel notwendig ist etc.

Nach den ersten Workshops sowohl mit Mitarbeitern des AEI, mit Jugend- und Studentengruppen und mit Frauen im nahen Flüchtlingscamp schöpfe ich jedoch wieder Hoffnung. Das AEI macht eine hervorragende Bildungs- und Jugendarbeit hier und auch wir vier TrainerInnen können, finde ich, wirklich stolz und zufrieden mit uns sein. Auch wenn die Seminareinheiten sehr kurz sind, meist nur 1-2 Stunden mit einer Gruppe, so schaffen wir es doch das Wesentliche rüberzubringen und vor allem auch in Kontakt mit den Menschen und ihren Themen zu kommen. Viele Teilnehmer geben das Feedback, dass sie gerne mehr von der Gewaltfreien Kommunikation hören, lernen und üben möchten.

„I leave peaceprints“ (grob übersetzt “Ich hinterlasse eine Spur des Friedens”) – diesen Autoaufkleber habe ich eines Morgens auf meinem Weg zum AEI entdeckt – und ich finde er passt zu unserer Arbeit hier. „Fußspuren“ (Footprints) an einem Strand sind eine Weile sichtbar und werden dann von denn nächsten Wellen weggespült. Auch wenn unsere Spur des Friedens sehr wahrscheinlich bei der nächsten Konflikteskalation hier von einer Welle der Gewalt wieder verwischt oder ausgelöscht wird – es befriedigt mich zutiefst, es wenigstens versucht zu haben, ein paar neue „peaceprints“ hier in Bethlehem zu hinterlassen.
Bethlehem, 12.9.2007
Markus Sikor
Auf dem Flug nach Tel Aviv…
Im Flugzeug nach Tel Aviv sitze ich neben einem gesprächigen Ehepaar aus Israel. Er, Elia, ist Lehrer und, wie er gleich hinufügt, christlicher Araber.
Er fragt mich nach woher und wohin und so kommen wir ins Gespräch. Ich zeige auf seine Zeitung, und frage, was diese Grafik mit den Soldaten und Panzern (s.l.) bedeutet.
Er sagte, das Bild vergleiche die Truppenstärken, Panzer, Raketenstärke etc. von Syrien und Israel. „Das ist doch verrückt!“, meint Elia, „wir wollen doch alle Frieden leben, oder, und was macht unsere Regierung? Nur weil irgendein großes Ego in der Regierung etwas beweisen will“. „Wissen Sie“, sagt Elia „ich bin Araber und Christ und Lehrer in einer Schule für muslimische Kinder. Im Arabischen sagt man, Gott habe 99 Namen – und der bekannteste ist „Salam“ – er schreibt den Begriff auf meine Visitenkarte – und das heißt „Frieden“. Und Elia schließt zweifelnd „Soll dieser Angriff uns Frieden bringen?“
MehrGewaltfreie Kommunikation – Friedensarbeit aktuell
Kurz vor dem Abflug nach Palästina, kann meine Finger einfach nicht vom Rechner lassen…
Aber diese Nachrichten über die aktuelle Friedensarbeit aus dem Netzwerk Gewaltfreie Kommunikation wollte ich einfach noch bekannt(er) machen:
Jugendliche aus Israel und Palästina lernen in Berlin u.a. auch die Gewaltfreie Kommunikation kennen – zu lesen in der taz, die tageszeitung
Und hier ein Bericht über die Arbeit meiner guten Freundin Jeyanthy Siva aus Sri Lanka, die derzeit in Niederlanden weilt und dort interviewt wurde von der Zeitung Expatica.
Mehr…unterwegs nach Palästina (Projekt Gewaltfreie Kommunikation mit AEI)
Ab Freitag bin ich, Markus, für 10 Tage in Palästina, um dort zusammen mit meinen KollegInnen Isolde Teschner, Dunja Müller und Friedrich Wiest ein Projekt für Gewaltfreie Kommunikation in Zusammenarbeit dem AEI zu starten.
Wir werden dort zusammen mit Fuad Giacaman (dem Gründer des AEI) und seinem engen Mitarbeiter Fuad van Teffelen daran arbeiten, wie das AEI die Gewaltfreie Kommunikation in ihrer Friedensarbeit einsetzen und nutzen können.
In Betlehem, wo das AEI beheimatet ist, werden wir die nächsten Tage zusammen mit den MitarbeiterInnen des AEI unterwegs sein. Ein weiterer Programmpunkt ist ein Treffen im Friedensdorf Neve Shalom.
Der nächste Post in diesem Blog wird daher höchstwahrscheinlich aus dem Cafe des International Center Bethlehem kommen – dort soll nämlich das nächste verfügbare WLAN in Betlehem sein.
Bis dahin…
Markus Sikor
MehrVersöhnungs- und Trainingsprojekt in Palästina und Israel
Im Herbst 2007 werden wir mit einer Gruppen von TrainerInnen Palästina und Israel besuchen, um dort in Kooperation mit dem Arab Educational Institute ein Versöhnungsprojekt aufzubauen, dass auch die Ausbildung von MultiplikatorInnen in Gewaltfreier Kommunikation einschließt.
Der Start des Projekts wird durch private Spenden und dem Münchner Netzwerk Gewaltfreie Kommunikation e.v. unterstützt – dafür sind wir sehr dankbar!
Wir freuen uns über jede Unterstützung und die Vermittlung von Kontakten!
Nähere Informationen gibt es dazu auf dieser Infoseite.




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