Mobbing gegen deutsche Schüler Video
Das Video ist traurig und erschütternd. Da ich gerade selbst in einem "Mobbing"-Fall an einem Gymnasium als Mediator tätig bin, sehe ich einige Parallelen:
- Die Kinder/Jugendlichen sind ein Spiegel ihrer Eltern / der Gesellschaft. Wie auch Jesper Juul immer wieder betont: Wenn wir den Kindern Gewalt antun, indem wir ihre grundlegenden Bedürfnisse negieren (z.B. Autonomie, Gehört-Werden, Schutz vor Gewalt), dann kommt diese Gewalt zurück.
- Die Kinder/Jugendlichen spiegeln das Wertesystem ihrer Eltern. Dogmatische Intoleranz gegenüber "Andersgläubigen" schafft Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Dies ist nicht "schlecht", Entwicklungspsychologisch ist es eine "normale" Stufe z.B. auch bei Kindern. Wenn eine ganze Kultur dies lebt, hat dies auch seinen Sinn. Das heißt NICHT, dass die "modernen" Werte nach Toleranz, Gleichberechtigung etc. diese Intoleranz dulden sollten – aber verstehen und integrieren. Dagegen kämpfen / ausschließen / kriminalisieren etc. hilft erfahrungsgemäß nicht. Klare Grenzen und Empathie dagegen schon.
- Diese klaren Grenzen und Empathie müssen von den Erwachsenen, den Lehrern etc. kommen. Das kann man (noch) nicht von den Kindern erwarten.An der Schule erlebe ich, dass die Kinder sogar selbst sehen, dass ihr Handeln andern schadet, und dass sie das "eigentlich" nicht wollen, aber sie finden selbst keinen Weg aus der Eskalationsspirale. Ich denke, es ist die Aufgabe der "Großen" diese Führung und Struktur anzubieten, die Kinder "rufen" danach.
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Restorative Circles – Auf dem Weg zu einer Gerechtigkeit von Herzen
Wer sich für
neue Wege im Umgang mit Verbrechen, Gewalt und Wiedergutmachung interessiert, sollte sich diese Ankündigung von zwei Workshops über „Restorative Circles“ mit Dominic Barter merken. Restorative Circles ist ein Prozess, der von Dominic Barter in Brasilien entwickelt wurde. Seit 1994 zeigt Barter neue Wege zu Eigenverantwortung und Heilung auf. Restorative Circles bringen Täter, Opfer und deren Umfeld in einem Kreis zusammen und laden sie zum Gespräch ein. Miteinbezogen werden alle, die auf irgendeine Weise betroffen sind.
Dominic Barter begann seine Restorative Circles-Arbeit in den Favelas brasilianischer Großstädte. Inzwischen setzt er seinen Ansatz auch auf anderen Gebieten erfolgreich ein: bei der Polizei, in Schulen, Vereinen, NGOs und in der Geschäftswelt. In den ersten 10 Jahren war es Pionierarbeit; 2004 kam der Durchbruch. Seither arbeitet Barter intensiv mit dem brasilianischen Justizministerium sowie dem Bildungsministerium zusammen. Unterstützt von UNDP, UNESCO und dem Sekretariat für Menschenrechte, investiert das Justizministerium in sämtliche Pilotprojekte.
Homepage Restorative Circles
Workshop-Termine in Berlin und Bremen
Und hier noch ein update – ein Interview mit Dominic Barter (Englisch mit dt. Untertiteln)
Amoklauf in Winnenden – vermeidbare Eskalation von Gewalt?
Der Amoklauf des jugendlichen Schülers in Winnenden hinterlässt 16 Tote, tiefe Trauer bei den Angehörigen und Fassungslosigkeit bei uns allen. Niemand kann für den Schmerz die passenden Worte des Trosts finden – wir möchten an dieser Stelle unser tiefes Mitgefühl ausdrücken.
Eine Amoklauf hinterlässt die immer gleichen Fragen:
Was bringt jemand zu einer solchen Tat?
Wie kann man eine solche Tat verhindern?
Die erste Frage ist nicht mehr zu beantworten, der Täter ist selbst zum Opfer geworden.
Gewalt, Strafe und Gewaltfreie Kommunikation
Empathie verhindert Gewalt
In der Ausgabe von „Geo-Wissen“ zum Thema Verhalten, Persönlichkeit, Psyche findet sich ein lesenswerter Artikel zur Aggressionsforschung beim Menschen. Der finnische Aggressionsforscher Björkqvist wird darin mit der (mittlerweile wohl nachgewiesenen) Hypothese zitiert, dass die Fähigkeit zur Empathie ein entscheidender Faktor bei der Ausübung oder eben Nicht-Ausübung von Gewalt unter Menschen ist. Menschen, die eine geringe Empathiefähigkeit besitzen neigen schneller zum Einsatz verbaler und körperlicher Gewalt, weil sie sich schlicht nicht vorstellen können, dass das weh tun kann.
Der Grund für meinen Kommentar dazu ist nicht diese Einsicht, sondern die Konsequenz die (leider) wieder mal daraus gefolgert wird. Da der „Täter“ nicht fühlt, dass seine Tat schmerzlich für das „Opfer“ ist, soll er dies lernen, indem er sich entschuldigt. Dann werden z.B. „Entschuldigungstage“ eingeführt, in der Hoffnung, dass damit alles gut wird.
Entschuldigung ist keine Lösung
Das Gewaltpräventionsprogramm von Herrn Björkqvist kommt also, wie leider die allermeisten Konflikt-/Gewaltprogramme, nicht um das Thema „Schuld“ herum. Wer glaubt, dass Täter, die sich „schuldig“ fühlen, dann weniger gewalttätig sind, dem empfehle ich das Buch „Violence„ vonJames Gilligan. Gilligan hat Hunderte von Tiefeninterviews mit den härtesten Gewaltverbrechern in den USA geführt und sein Ergebnis war schlicht und ergreifend: Diese Täter begehen ihre Tat WEIL sie sich schuldig fühlen und schämen!
Das Selbstwertgefühl dieser Menschen ist so gering und Schmerz darüber so tief, dass sie wahrscheinlich aus einer seelischen Schutzfunktion heraus überhaupt keine Empathie mehr haben, auch nicht für sich selbst (daher verstümmeln sich Tausende von Gefangenen in den amerikanischen Gefängnissen, um endlich wenigstens Schmerz zu fühlen).
Gewaltprävention durch Empathie - oder gewaltfreie Gefängnisse
Vergessen wir das Konzept von Schuld! Wem soll es helfen, wenn der Täter“ schuld“ ist? Die Empathiefähigkeit ist der entscheidende Punkt. Gewalttäter müssen, um wieder zu sozialen Wesen zu werden, Empathie neu lernen. Was wir brauchen sind gewaltfreie Gefängnisse, in denen Gewalttäter menschlich behandelt werden, Empathie bekommen und Unterstützung erhalten, um neue, gewaltfreie Strategien für ihre Bedürfnisse zu finden. Das ist die Vorgehensweise bei den Gefängnissen, die das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg umsetzen. Und falls das nicht (mehr) funktioniert, dann kann und muß man diese Menschen liebevoll von der Gesellschaft fern halten, um uns und sie selbst (vor sich) zuschützen.
MehrZurück aus Palästina… Lessons learned

Seit wenigen Tagen bin ich nun zurück aus Palästina und habe mich halbwegs wieder erholt – der wunderschöne Herbst ist dabei eine gute Hilfe, er hilft mir bei der Reflektion und dem Wiederauftanken.
Für mich gibt es einige Lektionen aus diesem und anderen Auslandstrainings, die vielleicht auch für andere TrainerInnen interessant sind:
- Trainings im Ausland sind (wesentlich) anstrengender
Je fremder die Kultur, desto mehr. Fremde Umgebung, unbekannte Sprache (verbal und nonverbal), neue soziale Regeln bis hin zum Essen – all dies kann je nach Verfassung leichten bis heftigen Stress verursachen. Eine gute Vorbereitung kann die Auswirkungen des Kulturschocks etwas lindern. Ich persönlich brauche eine Möglichkeit, mich zurückzuziehen; halbwegs gewohnte Verpflegung und Essenszeiten (wer einmal zwei Tage lang mit Magenkrämpfen und Durchfall ein Seminar geleitet hat, weiß was ich meine) – all dies läßt sich vorher mit den Organisatoren klären bzw. vor Ort meist ohne große Umstände anpassen. - Mentale Vorbereitung ist hilfreich
Ein Training in Gewaltfreier Kommunikation ist vor allen Dingen eine Arbeit mit und an mentalen Weltbildern. In Palästina waren wir oft konfrontiert mit BLAUEM religiös-dogmatischem Denken („Es steht in der Bibel“, „Gott hat uns gelehrt“). Es wäre auf subtile Weise gewalttätig, wenn wir nun daherkommen, und diese Weltsicht relativieren wollten. Auf der anderen Seite ist das Aufeinanderprallen der christlich bzw. islamistisch dogmatischen Denkweise ein ständiger Konfliktherd, der nur durch eine Erweiterung (nicht Auflösung) der Weltsicht hin zu einer gegenseitigen Anerkennung gelöst werden kann. Mit diesen Spannungsfeldern empathisch umzugehen kann man sich erleichtern z.B. durch Lektüre über die typischen Konfliktfelder, „innere Rollenspiele“ etc.. Als „mentale Landkarte“ für derartige Empathieübungen ist die Kombinantion von Gewaltfreier Kommunikation und Spiral Dynamics sehr hilfreich. - Trainings haben Breiten- oder Tiefenwirkung
Präsentationen und Trainings können entweder viele Menschen erreichen (Breitenwirkung) oder wenige Menschen auf tieferer Ebene transformieren (Tiefenwirkung). Tiefenwirkung braucht mehr Zeit, Breitenwirkung mehr Publikum. Beides ist wichtig und man muss für sich herausfinden, was einem lieber ist. Ich mag beides, wenn es gut vorbereitet ist. In Palästina hatten wir sehr viele Seminare und nur dadurch nur wenig Zeit für (relativ) wenige Teilnehmer (zwischen 6-25). D.h. die Breitenwirkung war gering, die Tiefenwirkung auch. Dies war auch bedingt durch die Vorgaben der Organisation, aber wir hätten dies durch klarere Kommunikation beeinflussen können. - Empathie geben oder Empathie lernen…
Natürlich sind die Herzen vieler Menschen in Palästina voller Schmerz und Leid – und sobald sie etwas Vertrauen gefasst haben, kommen die Geschichten. Einen Nachmittags haben wir mit Studenten anhand einer Videoaufnahme einer Demonstration gegen die „Sicherheitsmauer“ bei Bethlehem zu dem Thema „Gewaltfreiheit“ gearbeitet. Sofort kamen die Erzählungen, über die Unterdrückung, Gewalterfahrungen etc. So war unsere wichtigste Aufgabe im Seminar oft einfach nur empathisch zuzuhören.
Auf der anderen Seite glaube ich, dass es hilfreicher für die Menschen wäre, wenn sie lernen würden, sich untereinander empathisch (statt sympathisch) zuzuhören. Dieser Prozess läßt sich aber nicht umdrehen oder beschleunigen, Menschen in dieser Situation brauchen erst Empathie bevor sie etwas Neues dazu lernen können. - Die eigene Verzweiflung ernst nehmen und bearbeiten
Ich bin in Palästina recht schnell mit meiner eigenen Verzweiflung in Kontakt gekommen -über das was sich Menschen gegeneitig antun, über die scheinbare Ausweglosigkeit aus einem Teufelskreis von Gewalt und Rache, über die meiner Meinung nach unsägliche Rolle der Religionen in diesem Konflikt, aber auch über die Begrenztheit und Nichtigkeit meines eigenen Beitrags zur Veränderung.
Diese Verzweiflung nicht wegzuschieben, sondern ernst zu nehmen und konstruktiv zu bearbeiten habe ich erst im Laufe der Zeit gelernt. Der körperliche Schmerz und die Tränen, die dabei hochkommen haben etwas Reinigendes und Entlastendes, manchmal habe ich den Eindruck, ich weine dabei für viele Menschen in Palästina mit. Und das Schöne ist, unter diesen Tränen finde ich immer wieder meine Sehnsucht nach einem Sinn hinter all dem und in meinem Leben.
Herzliche Grüße
Markus Sikor




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