Richtig reich werden – Selbständigkeit aus integraler Sicht – Teil 3
Bisher habe ich das Thema in Teil 1 und Teil 2 aus Sicht der individuellen Perspektiven beschrieben – den beiden „oberen Quadranten“ des 4-Quadranten-Modells von Ken Wilber. Manche fragen sich vielleicht: Warum braucht es noch mehr, wenn doch „alles was ist“ entweder „innerhalb“ oder „außerhalb“ von mir stattfindet?
Gegenfrage: Zeigst du im Beisein eines Fremden, eines Freundes, deines Partners/deiner Partnerin immer das gleiche Verhalten? Denkst und fühlst du das Gleiche? Wahrscheinlich nicht. Wir sind nicht völlig unabhängig von unserer Umgebung. Die Systemtheorie lehrt uns, dass Menschen in einer Gruppe neue Verhaltensweisen zeigen, die sich nicht allein aus den bekannten individuellen Eigenschaften erklären lassen. Wir sind soziale Wesen, wir sind auch (aber nicht nur) abhängig von und werden beeinflusst durch andere Menschen.
MehrRichtig reich werden – Selbständigkeit aus integraler Sicht – Teil 1
Wem das Beiwörtchen „integral“ langsam zum Halse raushängt dem sei versichert, dass er (oder sie) hier nichts verpasst, wenn sie (oder er) diesen Artikel einfach jetzt beiseite legt. Es gibt so viele andere spannende Dinge im Leben eines „integral informierten“ Menschen, da muss man wirklich nicht seine Zeit damit verschwenden, das Gleiche in neuen Worten zu lesen.
Also, tschüss – have fun dabei dein Licht in die Welt zu bringen um uns alle zu erleuchten (das meint eine „integrale Weltsicht“ nämlich (auch).
Für alle anderen: Ich verwende das Wörtchen „integral“ ganz gerne, weil es etwas beschreibt, was ich sonst dauernd in (zu) viele Worte fassen müsste, nämlich ungefähr so:
„Eine integrale Diskussion, z.B. hier zum Thema „Selbständigkeit und Geld und so“, schließt alle Bereiche menschlichen Wissens ein, d.h. subjektive und objektive Sichtweisen, individuelle und kollektive Phänomene, grundsätzlich verschiedene „Typen“ (wie z.B. „männlich“ und „weiblich“), darüber hinaus alle vor-rationalen (magisch, mythisch), rationalen und trans-rationalen (mystisch) Weltsichten der Menschheitsgeschichte und noch ein paar Kleinigkeiten mehr, die ich auch noch nicht alle verstanden habe
)“
Wie ein integrales Konfliktverständnis zu Frieden und Verständigung beitragen kann
„Integrale Theorie“ klingt furchtbar trocken und langweilig. Manche meiner Gesprächspartner überfällt eine plötzliche tiefe Erschöpfung sobald sie das Wort „Theorie“ hören – ich versuche es dann nicht persönlich zu nehmen
Vielleicht kann ich meine Begeisterung für die integrale Perspektive, die der Philosoph Ken Wilber und andere seit den 70er Jahren entwickeln, so in Worte fassen:
Die integrale Sichtweise berührt gleichermaßen mein fühlendes Herz, meine mystische Seele und meinen analytischen Verstand – und das mag ich! Ich fühle mich „endlich angekommen“ mit diesem Denkrahmen, der alle Teile von mir ernst nimmt und „sein läßt“, seien sie magisch, kindlich, rational, als soziales Wesen wie als Individuum, den fühlenden, denkenden und den sich selbst beobachtenden „Markus“. Darüber hinaus gibt mir die integrale Philosophie einen Kontext, um meine Erfahrungen mit Menschen, die ich kaum anders als „spirituell“ nennen kann, in Einklang zu bringen mit Rationalität und Wissenschaft – ohne das eine auf das andere zu reduzieren oder zu verabsolutieren.
Integrale Perspektiven auf Konflikte – am Beispiel „Jugendgewalt“
Zunächst einmal ist wichtig zu sehen, dass die integrale Theorie an sich inhaltsleer ist – sie bietet keine neuen Daten (Inhalte), sondern einen neuen Rahmen, um die vorhandenen Daten besser einordnen und verstehen zu können. Das ist durchaus ähnlich wie das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation, die einem auch keine „neuen Gefühle“ (Daten) bietet, sondern ein neues Konzept wie diese Gefühle zu interpretieren sind (als Ausdruck von Bedürfnissen).
MehrLernstufen in der Gewaltfreien Kommunikation
Mit Lern- und Entwicklungsstufen tun sich viele Anhänger der Gewaltfreien Kommunikation als typische Vertreter „grüner“, egalitärer Werte (Spiral Dynamics) im allgemeinen schwer. Die Einsicht, dass Menschen in Bezug auf bestimmte Fähigkeiten nicht „gleich“ sind, ist zwar eigentlich banal (wer würde schon gerne seine Magen-Operation von einem KFZ-Meister durchführen lassen?), aber wenn es um kommunikative Fähigkeiten geht, scheint dies wieder in Vergessenheit zu geraten.Die Betonung der Gleichheit aller Menschen auf der Ebene der Bedürfnisse (die ich teile), wird also so wohltuend und berührend erfahren, dass der Blick auf die Unterschiedlichkeit der Menschen als eine (zu) schmerzhafte „Trennung“ erlebt und lieber vermieden wird.
Meiner Meinung nach hilft hier die Unterscheidung von „Verhalten“ und „Sein“. Auf Seins-Ebene sind wir Menschen alle gleich, gleich wertvoll, gleich schön, alle göttliche Verkörperungen des „Einen Geists“.
Auf Verhaltensebene sind wir unterschiedlich und manchmal sogar einzigartig. Hier kommt die Individualität jedes einzelnen ans Licht der Welt. Ein kompetenter Mediziner kann Leben retten – aber kein Auto reparieren.
The Secret, What the Bleep – Flachland zum Zweiten…
Der Blogpost zum Film „The Secret“ ist einer der meistgelesenen hier, er hat auch die meisten kritischen Kommentare Artikel abbekommen… interessant, vielleicht sollte ich mein Metier doch wechseln ;o).
Ich bin sicher, die Autoren und Produzenten von „The Secret“ und „What the Bleep…“ haben die besten Absichten und möchten die Menschen ermutigen, ihr Leben selbstbewußt in die Hand zu nehmen, etwas zum Positiven zu verändern. Da bin ich sehr einig mit ihnen.
Aber: Das Mittel und die Art und Weise, wie sie dies in ihren Filmen vermitteln, haben, so fürchte ich, auf einer tieferen Ebene das genaue Gegenteil zur Folge. Nicht wachsendes Selbstvertrauen und echte Selbsterkenntnis, sondern noch mehr Verdrängung und ein noch verbogeneres Selbstbild. Nicht wachsendes Bewusstsein und mehr Mitgefühl, sondern noch mehr Egozentrik und noch mehr Allmachtsphantasien.
Nur weil ich mir bewusst einrede, „Erfolg zu haben“, oder „fest an meine Wünsche“ denke, verändert sich weder meine persönliche Geschichte mit all den traumatischen Erfahrungen, noch meine tiefen Glaubenssätze und unbewussten Überzeugungen, die mich hindern, mein authentisches, menschliches Potential zu leben. Da kann ich noch so viel bewusst „schön denken“ – meine unbewussten Muster und Schattenanteile werfen mir bei nächster Gelegenheit die gleichen Steine in den Weg.
Hier erschwert oder, im schlimmsten Falle verhindert die oberflächliche Psychomethode von „The Secret“ und „The Bleep“ eine echte Auseinandersetzung mit den persönlichen Themen, die notwendig sind für ein weiteres Wachstum hin zu mehr Authentizität, Bewusstheit und Mitgefühl.
Fast noch schlimmer und erschreckend finde ich die subtile „Schuldfrage“, die in diesen Filmen meiner Meinung nach zwangläufig aufkommt. Wenn Du nicht genug Geld hast, nicht erfolgreich oder gar krank bist – dann hast Du einfach nicht die richtigen Gedanken gedacht und die falschen Entscheidungen getroffen, denn: „Du bekommst, was du denkst.“ – selbst schuld. (Diese ist by the way, eine klassische „konservative“ Denkweise, Menschen sind selbstverantwortlich, schon wahr, aber eben nur teilweise. Bin mir nur nicht sicher, ob „The Secret“-Adepten dies klar ist).
Aussagen von „The Secret “ und „The Bleep“ wie „Du bist 100% verantwortlich für Dein Leben “ halte ich nicht nur für falsch, sondern für höchst bedenklich und erschreckend.
Natürlich können wir in unserem Leben Entscheidungen treffen und natürlich ist unser Leben, eine Folge unserer richtigen und falschen Entscheidungen. Aber die Behauptung, „mein Leben sei zu 100% meine Entscheidung“ scheitert spätestens an dem, was ein Philosoph den „Ausschwitz-Test“ genannt hat: „Kann man sagen, dass ein KZ-Insasse (ein Kind?) zu 100% für seine Situation verantwortlich ist“?
Diese Frage mit „Ja“ zu beantworten, würde ich als gefühllos, unethisch und unspirituell bezeichnen. Gefühllos, weil ich glaube, dass derartige New-Age-Überzeugungen im Grunde nur eine Abwehr gegen ein echtes Mitgefühl mit der tiefen Verzweiflung, Angst und Sinnlosigkeit dieser Erfahrung ist. Unethisch, weil sie andere Menschen aus der Verantwortung für diese Gewalt und Ungerechtigkeit entlässt. Unspirituell, weil dahinter meist ein völlig verdrehtes Verständnis von Spiritualität steht, mit dem schreckliche Erfahrungen für die Menschen dann auch noch schön geredet werden sollen („das war ihr Karma“, „Schicksal“, „ihre Aufgabe“ u.ä.).
Wen eine weitere Vertiefung dazu interessiert: Julian Walker über „The Secret“ und Kritik an „The Bleep“ (Englisch)
MehrZurück aus Palästina… Lessons learned

Seit wenigen Tagen bin ich nun zurück aus Palästina und habe mich halbwegs wieder erholt – der wunderschöne Herbst ist dabei eine gute Hilfe, er hilft mir bei der Reflektion und dem Wiederauftanken.
Für mich gibt es einige Lektionen aus diesem und anderen Auslandstrainings, die vielleicht auch für andere TrainerInnen interessant sind:
- Trainings im Ausland sind (wesentlich) anstrengender
Je fremder die Kultur, desto mehr. Fremde Umgebung, unbekannte Sprache (verbal und nonverbal), neue soziale Regeln bis hin zum Essen – all dies kann je nach Verfassung leichten bis heftigen Stress verursachen. Eine gute Vorbereitung kann die Auswirkungen des Kulturschocks etwas lindern. Ich persönlich brauche eine Möglichkeit, mich zurückzuziehen; halbwegs gewohnte Verpflegung und Essenszeiten (wer einmal zwei Tage lang mit Magenkrämpfen und Durchfall ein Seminar geleitet hat, weiß was ich meine) – all dies läßt sich vorher mit den Organisatoren klären bzw. vor Ort meist ohne große Umstände anpassen. - Mentale Vorbereitung ist hilfreich
Ein Training in Gewaltfreier Kommunikation ist vor allen Dingen eine Arbeit mit und an mentalen Weltbildern. In Palästina waren wir oft konfrontiert mit BLAUEM religiös-dogmatischem Denken („Es steht in der Bibel“, „Gott hat uns gelehrt“). Es wäre auf subtile Weise gewalttätig, wenn wir nun daherkommen, und diese Weltsicht relativieren wollten. Auf der anderen Seite ist das Aufeinanderprallen der christlich bzw. islamistisch dogmatischen Denkweise ein ständiger Konfliktherd, der nur durch eine Erweiterung (nicht Auflösung) der Weltsicht hin zu einer gegenseitigen Anerkennung gelöst werden kann. Mit diesen Spannungsfeldern empathisch umzugehen kann man sich erleichtern z.B. durch Lektüre über die typischen Konfliktfelder, „innere Rollenspiele“ etc.. Als „mentale Landkarte“ für derartige Empathieübungen ist die Kombinantion von Gewaltfreier Kommunikation und Spiral Dynamics sehr hilfreich. - Trainings haben Breiten- oder Tiefenwirkung
Präsentationen und Trainings können entweder viele Menschen erreichen (Breitenwirkung) oder wenige Menschen auf tieferer Ebene transformieren (Tiefenwirkung). Tiefenwirkung braucht mehr Zeit, Breitenwirkung mehr Publikum. Beides ist wichtig und man muss für sich herausfinden, was einem lieber ist. Ich mag beides, wenn es gut vorbereitet ist. In Palästina hatten wir sehr viele Seminare und nur dadurch nur wenig Zeit für (relativ) wenige Teilnehmer (zwischen 6-25). D.h. die Breitenwirkung war gering, die Tiefenwirkung auch. Dies war auch bedingt durch die Vorgaben der Organisation, aber wir hätten dies durch klarere Kommunikation beeinflussen können. - Empathie geben oder Empathie lernen…
Natürlich sind die Herzen vieler Menschen in Palästina voller Schmerz und Leid – und sobald sie etwas Vertrauen gefasst haben, kommen die Geschichten. Einen Nachmittags haben wir mit Studenten anhand einer Videoaufnahme einer Demonstration gegen die „Sicherheitsmauer“ bei Bethlehem zu dem Thema „Gewaltfreiheit“ gearbeitet. Sofort kamen die Erzählungen, über die Unterdrückung, Gewalterfahrungen etc. So war unsere wichtigste Aufgabe im Seminar oft einfach nur empathisch zuzuhören.
Auf der anderen Seite glaube ich, dass es hilfreicher für die Menschen wäre, wenn sie lernen würden, sich untereinander empathisch (statt sympathisch) zuzuhören. Dieser Prozess läßt sich aber nicht umdrehen oder beschleunigen, Menschen in dieser Situation brauchen erst Empathie bevor sie etwas Neues dazu lernen können. - Die eigene Verzweiflung ernst nehmen und bearbeiten
Ich bin in Palästina recht schnell mit meiner eigenen Verzweiflung in Kontakt gekommen -über das was sich Menschen gegeneitig antun, über die scheinbare Ausweglosigkeit aus einem Teufelskreis von Gewalt und Rache, über die meiner Meinung nach unsägliche Rolle der Religionen in diesem Konflikt, aber auch über die Begrenztheit und Nichtigkeit meines eigenen Beitrags zur Veränderung.
Diese Verzweiflung nicht wegzuschieben, sondern ernst zu nehmen und konstruktiv zu bearbeiten habe ich erst im Laufe der Zeit gelernt. Der körperliche Schmerz und die Tränen, die dabei hochkommen haben etwas Reinigendes und Entlastendes, manchmal habe ich den Eindruck, ich weine dabei für viele Menschen in Palästina mit. Und das Schöne ist, unter diesen Tränen finde ich immer wieder meine Sehnsucht nach einem Sinn hinter all dem und in meinem Leben.
Herzliche Grüße
Markus Sikor
Spiral Dynamics – endlich auf Deutsch erhältlich

Das Grundlagenwerk zu Spiral Dynamics ist bald auch auf Deutsch erhältlich.
Der Verlag Kamphausen bringt das Buch von Beck/Cowan in der Reihe „Inspire“ heraus und man erhält es bei Bestellung bis 15.7. zum Subskriptionspreis von Euro 30,-.
Hier zu bestellen.
Spiral Dynamics – Anwendungsbeispiel Ost – Westdeutschland

Eine Anwendung der Spiral Dynamics auf die Ost-West-Integration in Deutschland findet sich im Artikel „Quo vadis, Deutschland? – Eine Perspektive für erweitere Denk- und Handlungsräume“ von Dorothea Zimmer und Don E. Beck (What is Enlightenment?, Herbst 2005)
Der komplette und mit Grafik angereicherte Artikel findet sich hier bei Landsiedel-Seminare.
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